Operation Lindwurm: Ein Konvoi und seine tödliche Fracht
Vor 20 Jahren wurden die Giftgasgranaten aus dem Depot Clausen abtransportiert

Von PZ-Redakteur Franz-Josef Majer - Südwestpfalz. Jahrzehntelang lebten die Menschen in der Südwestpfalz auf einem Pulverfass - ohne es zu wissen. Im US-Depot Fischbach lagerten Atomsprengköpfe, im US-Depot Clausen tonnenweise Giftgasgranaten.

Russische Kurzstreckenraketen in der DDR waren auf dieses Ziel für einen Kriegsfall programmiert. Vor 20 Jahren, im Juli und August 1990, wurden mit in der großangelegten Operation Lindwurm die Giftgasgeschosse aus dem Pfälzerwald abtransportiert - und eineinhalb Jahre später - freilich mit viel weniger Aufsehen - auch die Atomraketen. Dass die Abrüstung in die Zeit der Auflösung des Warschauer Paktes und der Wiedervereinigung fiel, war eher zufällig wurde aber durch die Entspannung auf politischer und militärischer Ebene forciert. Die Forderungen einer Giftgas- und Atomwaffen-freie Zone waren in der Südwestpfalz schon Anfang der 1980er Jahre laut geworden. Sitzblokaden, Demonstrationen, Blockiererprozesse, Proteste von Prominenten aus ganz Deutschland und die ständige Berichterstattung in den Medien erhöhten zunehmend den Druck auf Politik und Militär, so dass diese schon 1987, früher als vorgesehen, mit geheimen Vorplanungen für die Abzug der Chemiewaffen mit den Nervengiften Sarin und VX begannen. Der Abzug der Giftgasgranaten vor 20 Jahren war eine große Erleichterung für die Menschen in der Region und wurde am Ende mit einem großen Fest, zu dem auch Bundeskanzler Helmut Kohl nach Clausen kam, gefeiert. Am 3. September 1990 meldete die PZ: "Der Kreis Pirmasens ist jetzt Giftwaffen-frei!" Geschätzte Kosten der gesamten Aktion: 50 Millionen Euro für den Bund und 50 Millionen Dollar für die USA. Viele, die die Ereignisse damals verfolgten oder wie die Bewohner von Clausen und Donsieders hautnah miterleben, verbinden damit auch persönliche Erinnerungen an diese Zeit der Veränderungen. Wir haben einen Blick ins Zeitungsarchiv geworfen, und geben diese spannenden und für die Südwestpfalz so wichtigen Jahre hier im Zeitraffer wieder. 30. April 1981: "In Fischbach lagert genug Giftgas, um die ganze Menschheit zu töten", lautet die Schlagzeile der PZ. Zuvor hatte das ARD-Magazin "Monitor" über Chemiewaffen im Depot Fischbach berichtet. 29. August 1981: 5 500 Menschen demonstrieren in Pirmasens gegen die Lagerung von Chemiewaffen in Depot Fischbach. Juni und Juli 1988: Aktion "Sitzenbleiben für den Frieden". Aktivisten aus ganz Deutschland, darunter zahlreiche Prominente wie die Schriftstellerin Dorothee Sölle, blockieren an mehreren Tagen die Zufahrt zum US-Depot Fischbach. Viele lassen sich von der Polizei weggetragen und werden wegen Nötigung angezeigt. 6. Januar 1989 bis 7. November 1990: Vor dem Amtsgericht Pirmasens finden 123 Prozesse gegen rund 180 Sitzblockierer wegen Nötigung statt, bis auf wenige Ausnahmen kommt es in fast allen Fällen zu Schuldsprüchen. Die meisten Urteile haben aber später vor dem Landgericht in der Berufung keinen Bestand. Sitzblockaden seien nicht verwerflich und deshalb keine Nötigung sondern höchstens eine Ordnungswidrigkeit, hieß es zur Begründung. 23. Dezember 1989: In seiner Weihnachtsausgabe berichtet der "Spiegel", eine interministerielle Arbeitsgruppe plane im Geheimen den Abtransport von Chemiewaffen aus der Pfalz. Er bringt dabei erstmals den Namen Clausen ins Spiel und fragt: Wurde vor dem falschen Depot demonstriert? 7. März 1990: In der Turnhalle Clausen bestätigen der rheinland-pfälzische Innenminister Rudi Geil und US-General Dennis Benchoff: Die in der Bundesrepublik gelagerten Chemiewaffen befinden sich ausschließlich im Depot Clausen. 8. März 1990: Vor 100 Journalisten demonstriert in der Husterhöhkaserne die US-Army die Lagerung und die geplante Entsorgung der Granaten. 26. Juli 1990: Punkt 8.01 Uhr setzt sich im Depot Clausen der erste Konvoi mit 20 Spezial-Trucks sowie Polizei, Bundeswehr- und Katastrophenschutzfahrzeugen in Bewegung. Er hat 3 500 Granaten in luftdichten Behältern geladen. Über Clausen, Donsieders, Biebermühle und die A 62 bis Herschberg, von dort weiter auf der noch nicht ausgebauten Schotterpiste der Autobahn bis Landstuhl wird in zweieinhalb Stunden das US-Depot Miesau erreicht, wo die Granaten zwischengelagert werden. Nur zwei der weiteren 28 Transporte nehmen die Saarlandroute über die A 8 bis zum Kreuz Neunkirchen und dann zurück über die A 8 Richtung Kaiserslautern. Zur Sicherung der Fahrzeuge und Routen sind täglich 1200 Beamte von Polizei und Grenzschutz im Einsatz. An den Transporttagen säumen hunderte von Menschen die Straßen in Clausen und Donsieders. Bald weicht die Angst vor der gefährlichen Fracht der Zuversicht. Die Soldaten und Beamten werden wie Freunde begrüßt. Frauen kochen Kaffee für die sie, Grenzschützer verteilen Müsliriegel, Polizisten lassen die Kinder auf ihren Motorrädern Platz nehmen, Bäckereien backen Lindwürmer und verteilten sie an den Konvoi. Oft mit dabei auch Innenminister Rudi Geil, der an den Transporttagen Quartier in Clausen macht. 3. August 1990: Am Rand der Straße von Donsieders zur Biebermühle werden Rauchgranaten gefunden, die, wie sich später herausstellte, ein US-Fahrzeug verloren hat. Trotzdem wird der Konvoi statt über Donsieders über Rodalben umgeleitet. 1. September 1990: Um 10.35 Uhr hat auch der letzte Konvoi das Depot Miesau erreicht. Er war in eine "Art Rosenmontagszug" ausgeartet. Für jedes Fahrzeug gab es in Clausen und Donsieders Beifall, die Fahrer hupten, aus den Lautsprechern eines Polizeiwagens war Volksmusik zu hören, Grenzschützer verabschiedeten sich von ihren Gastgebern mit Küsschen, aus den Fahrzeugen wurden Bonbons geworfen und am letzten klebte ein großes Plakat mit der Aufschrift "Pfälzer Gastlichkeit - Wir haben sie bei euch erfahren." 12. bis 19. September 1990: In nächtlichen Bahnkonvois werden die chemischen Waffen zum Nordseehafen Nordenham transportiert. Die Strecke wird von 10 000 Beamten gesichert. 21. September 1990: 7 000 Menschen, darunter viele Soldaten und Polizisten, feiern in Clausen in einem riesigen Zelt das Lindwurmfest. Mit dabei: Bundeskanzler Helmut Kohl und Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg. "Die Clauser Kinder sollen sich später zurückerinnern an den Tag, an dem ein Stück Frieden für jedermann sichtbar geworden ist", sagt der Kanzler. 24. September 1990: Zwei Spezialschiffe mit den Giftgasgranaten verlassen Nordenham. Auf ihrer Fahrt zum Atoll Johnson Island im Nordpazifik erhalten sie von einem Kriegsschiff Geleitschutz. Auf dem Atoll trifft die gefährliche Fracht Ende November ein. Dort wird der chemische Kampfstoff in Spezialöfen vernichtet. 21.Dezember 1991: Das Wachbatallion der US-Army im Depot Clausen mit seinem 1400 Soldaten wird aufgelöst, das 16 Hektar große Areal geht an den Bund über.
© Copyright Pirmasenser Zeitung • Samstag, 31. Juli 2010



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