Keine Pflegeschande in Pirmasens
Heime wehren sich gegen Pauschalkritik - In Rheinland-Pfalz die meisten Kontrollen

Dass die Pflegequalität in Deutschlands Altenheimen katastrophal und mangelhaft ist, zudem jeder Dritte Pflegefall nicht genug zu essen bekommt, sich viele alte Menschen in den Betten wund liegen (Dekubitus) und nicht oft genug gewaschen werden, das können die Pirmasenser Pflegeheime nicht nachvollziehen - sie empören sich über die Berichterstattung und fühlen sich um ihre Arbeit betrogen.

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Diese Bewohnerin ist zufrieden mit dem Service im Pirmasenser St. Anton Altenzentrum und läßt sich von den Pflegern gerne helfen. „Wir kriegen hier mehr Essen, als wir packen", sagt sie. (Foto: S. Meyer)
   
 
Auch Dr. Gundo Zieres, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) in Rheinland-Pfalz, hält den jüngst veröffentlichten Prüfbericht des MDK für Rheinland-Pfalz nicht zutreffend. "Es gibt keinen Grund, bei uns von Pflegeschande zu reden". Verbesserungsbedarf gebe es immer, aber in Rheinland-Pfalz herrsche bereits die höchste Prüfquote. Will heißen: Einige Bundesländer prüfen jährlich weniger als 10 Prozent ihrer Einrichtungen. In Rheinland-Pfalz hingegen liege die Quote bei 25 Prozent. "Die Heime werden häufig kontrolliert, dadurch ist die Qualität besser." "Pflege-Laien", so Zieres, sehen sich jedoch mit dem Problem der Transparenz konfrontiert, wenn sie entscheiden müssen, von welcher Einrichtung sie ihre Angehörigen pflegen lassen: "Die Leute haben keine Möglichkeit, ein Heim pflegefachlich zu bewerten." Deshalb fasst der MDK Rheinland-Pfalz seit 2005 die Ergebnisse seiner Prüfungen in so genannten "Einrichtungsbezogenen Qualitätsberichten" zusammen. Allerdings liegt es im Ermessen der Pflegeanstalt, den Bericht zu veröffentlichen. "Bislang praktizieren das nur wenige Häuser", so Zieres. Überprüft werden vom MDK etwa die Speisen- und Getränkeversorgung, die Betreuungsleistung und Dekubitusvorsorge, aber auch die pflegetheoretischen Grundlagen und Medikamentenvorsorge. Apropos: Die Überwachungsquote der Heimaufsicht wird durch die Prüfungen des MDK beeinflusst. Aber die Heimaufsicht prüft nicht nur die gesundheitliche und pflegerische Versorgung der Bewohner, sie achtet unter anderem auch auf die Hauswirtschaft und die Wohnqualität. Matthias Bolch, Pressesprecher der Heimaufsicht Rheinland-Pfalz, erklärte auf Anfrage der PZ, dass die Qualität der Pirmasenser Pflegeeinrichtungen überwiegend unproblematisch sei. "In Einzelfällen haben wir bauliche und personelle Defizite festgestellt, die wir angemahnt haben." Wenn ein Heim die Mängel nicht beseitigt, kann es dazu kommen, dass Buß- und Zwangsgelder verhängt werden, auch kann die Heimaufsicht die Aufnahme von Bewohnern verbieten - im härtesten Fall sogar die Einrichtung schliessen. Die Abteilung Gesundheitswesen der Kreisverwaltung, die in regelmäßigen Abständen prüft, ob die Heime hygienisch einwandfrei geführt werden, ist mit der Qualität der Pirmasenser Pflegeeinrichtungen insgesamt zufrieden. "Hin und wieder gibt es kleinere Mängel, aber die müssen in einem festgelegten Zeitraum behoben werden", berichtet Pressesprecherin Ulla Eder. Dabei werden nicht nur Wasserproben genommen, es wird auch nachgeschaut, ob die Medikamente fachgerecht untergebracht sind oder etwa die Wäscherei in Ordnung ist. Vor diesem Hintergrund ist der Ärger der Pirmasenser Pflegeheime verständlich. "Wir sind fest entschlossen, uns gegen diese Angriffe und die reißerische Berichterstattung zu wehren", hält Lisedore Klenk, Leiterin der Häuser Bethanien und Bethesda des Diakoniezentrums Pirmasens, fest. Dort leben insgesamt 104 Bewohner, die von 53 Pflegern betreut werden. Die Einrichtung wurde 2005 vom MDK geprüft, dabei wurden kaum Kritik bei der sozialen Betreuung geäußert. "Das war konstruktiv und hat uns positiv angeregt. Wir haben deshalb inzwischen eine Gerontotherapeutin eingestellt", erklärt Klenk, dass nicht jede Prüfung für die weitere Entwicklung eines Altenheims schlecht und negativ sein muss. Der Vorstand des Diakoniezentrums, Norbert Becker, gibt zu bedenken, dass die pauschale Berichterstattung viele Angehörige verunsichere und große Zweifel auslöse, ob sich die Familienmitglieder in guten Händen befinden. Dass es nicht gerecht sei, alle Heime über einen Kamm zu scheren, meint auch Christoph Prost, Leiter des Caritas-Altenzentrums St. Anton: "Schwarze Schafe gibt es in jedem Berufsfeld, aber der Prüfbericht sollte differenzierter dargestellt werden." Damit Fehler schnell ausgemerzt werden können, gibt es im Caritas-Verband seit 1991 ein "Beschwerdemanagement", das sich um Mängel kümmert, die von Angehörigen oder Bewohnern geäußert werden. In seiner Einrichtung, so Prost, seien die 27 Mitarbeiter "engagiert hinterher", damit die rund 80 Bewohner in Würde altern können. Wo Menschen arbeiten, würden aber Fehler gemacht, sagt Prost, der glaubt, dass die Pflege Aufgabe der ganzen Gesellschaft sei. Nicht zuletzt der Grund, warum er sich bemüht, zur Unterstützung ehrenamtliche Helfer zu gewinnen. Jede Menge Emotionen hat der Prüfbericht des MDKs auch im ASB-Pflege-Zentrum in Pirmasens ausgelöst. Dort leben 200 Bewohner, um die sich 69 Pfleger kümmern. "Viele Mitarbeiter fühlen sich durch diese Berichterstattung angegriffen", hält Heimleiterin Christiane Bauer fest. "Ihr ganzes Engagement und Herzblut, das sie in ihren Beruf legen, wird dadurch zunichte gemacht." Ihr Vorschlag: Wenn der MDK gravierende Mängel feststellt, sei es angebracht, "härter durchzugreifen" und Heime ganz zu schließen. Presseberichten der vergangenen Tage zufolge will die Bundesregierung offenbar die Qualität der Altenpflege mit mehr unangemeldeten Kontrollen - im Abstand von höchstens drei Jahren - einheitlichen Standards und einer Ausweitung der Prüfkompetenzen verbessern. (stm)
© Copyright Pirmasenser Zeitung • Montag, 10. September 2007



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