FlixBus 9€ Aktion
Anzeige FlixBus 9€ Aktion

PZ-Sonderthemen

PZ-Kur 2017

Bildergalerie

Das Wetter heute

Digitales Probeabo

Heimat-Jahrbuch / Heimatkalender

JUPI 2017

Sonderveröffentlichungen B 10

Telefonsuche

Verbraucher 07.10.2017

Mit dem Geld der Masse

Spenden sammeln per Crowdfunding − Gute Alternative zu Bankkredit − Einige Dinge sind zu beachten

„Uns war relativ klar, dass wir nicht zur Bank gehen brauchen“, erzählt Christian Bollert. Er ist Geschäftsführer bei Detektor.fm, einem kleinen Radiosender in Leipzig. „Wir wollten eine moderierte Vormittagssendung machen“, erklärt er. Und dafür brauchte es Geld, 50 000 Euro. Geld, das der Sender nicht hatte. „Wir haben uns gedacht: Lass uns doch die Hörer fragen, ob die das gut finden − und deshalb bereit sind, dafür etwas zu zahlen.“
Die Hörer fanden es gut. Und finanzierten Detektor.fm per Crowdfunding die neue Vormittagssendung. Bei dieser Art des Geldsammelns, in Deutschland oft Schwarmfinanzierung genannt, gibt die Crowd, also eine Gruppe von Menschen, Geld für ein Projekt, eine Idee, eine Vision. Vorgestellt wird diese meist auf Plattformen im Internet, zum Beispiel Seedmatch, Startnext oder Indiegogo. Detektor.fm sammelte über Visionbakery.de, wo das Crowdfunding nun oft als erfolgreiches Best-Practice-Beispiel genannt wird.
So haben sich bereits einige Produkte und Projekte finanziert, vom Kinofilm Stromberg über die Smartwatch Pebble bis hin zum verpackungsfreien Laden. Das Konzept funktioniert so: Unterstützer geben einen bestimmten Betrag und fördern damit die Umsetzung. Am Ende erhalten sie ein neues Produkt, zum Beispiel die neue Radiosendung oder eine Kinokarte für den entstandenen Film. Gibt es ein kleines Dankeschön wie die Kinokarte, nennt sich das Ganze reward-based, bei Spenden ohne Gegenleistung donation-based und bei Investitionen mit Zinsertrag Crowdinvesting.
„Es wird oft falsch kommuniziert, dass es eine einfache Sache wäre, schnell Geld einzusammeln“, dämpft Oliver Gajda vom European Crowdfunding Network die Erwartungen. Viele Projekte schafften die gesetzten Ziele nicht oder scheiterten bei der Umsetzung. Auch bei Detektor.fm war es knapp: 3 000 Euro fehlten kurz vor Schluss noch, eine Firma aus der Region sprang am letzten Tag mit 5 000 Euro ein.
„Man muss das eigene Netzwerk aktivieren“, erklärt Bollert, was aus seiner Sicht entscheidend ist für den Erfolg. Erst wenn eine bestimmte Spendenmasse erreicht ist, sind auch mehr Leute bereit, ihr Geld herzugeben. „Der Engagement-Punkt liegt bei etwa 70 Prozent der Investmentsumme“, sagt Michael Gebert, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Crowdsourcing Verbandes. Dann sehen mehr Leute das Projekt auf der Plattform und sind eher bereit, Geld zu geben. Wobei die Spende beim normalen Crowdfunding für den Geldgeber risikofrei ist: Wird die Zielsumme verfehlt, bekommen alle Spender ihr Geld zurück.
„Erfolgreiche Kampagnen sammeln zwei Fünftel in der ersten Woche ein“, erläutert Linette Heimrich von der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, wo sie seit drei Jahren als Crowdfunding-Beraterin arbeitet. „Früher hatten wir zwei bis drei Beratungen pro Monat, jetzt bereits pro Woche.“ Crowdfunding könne eine gute Alternative sein, wenn Eigenkapital fehlt, die Bank die Geschäftsidee zu windig findet oder die Entwicklung nicht so weit ist, dass ein Investor einspringt.
Neben der reinen Spende mit oder ohne Dankeschön gibt es auch das Crowdinvesting, wo die Geldgeber Zinsen bekommen. Sie verleihen dann eine Art Kredit für ein bestimmtes Projekt, und zwar in Form eines Nachrangdarlehens. Im Fall einer erfolgreichen Umsetzung des Projekts erhält man so sein Geld plus Zinsen zurück. „Man hat aber keine Anteile am Unternehmen und kein Mitspracherecht“, erklärt Gajda. Und: „Bei einer Pleite kriegt man als Letzter sein Geld zurück.“
Geld ist aber nicht das Einzige, wovon man beim Crowdfunding profitieren kann. „Der kleinste Teil ist das Funding, der größte Teil die Community“, erklärt Gebert und meint damit zwei Dinge. Einerseits ist die Vorstellung des Projekts auf einer Crowdfunding-Plattform ein guter Markttest. Will die Crowd das Produkt überhaupt? Andererseits erhält man von der Spendengemeinschaft manchmal wertvolle Hinweise für die Entwicklung − und macht nebenbei Werbung für das Produkt.
Wer erfolgreich sammeln will, muss einige Dinge beachten. „Man muss erzählen, was die Leute davon haben, wenn es klappt“, sagt Radiochef Bollert. Dazu gehört auch, Verzögerungen zu kommunizieren oder Teilziele zu erklären. „Authentisch und transparent“ müsse die Kampagne sein, rät Gebert. Und: „Der Erfolg hängt zu achtzig Prozent von der Vorbereitung ab.“ Wie werbe ich für meine Idee? Mit welchen Kosten muss ich rechnen? Was gibt es als Dankeschön?
„Die ideale Dauer für eine Kampagne liegt bei 40 Tagen“, hat Crowdfunding-Beraterin Heimrich beobachtet. In der Mitte der Spendenphase, dem „Tal der Tränen“, wie Heimrich es nennt, müsse man einen Plan haben, wie man das Projekt im Gespräch hält. Am Anfang und gegen Ende der Spendenphase fließe erfahrungsgemäß das meiste Geld. Auch die Dankeschön-Artikel sollten mit Bedacht gewählt sein, „mehr als zehn sollten es nicht sein“, empfiehlt Heimrich. Am liebsten hätten die Leute etwas mit Bezug zum späteren Produkt. Bei Detektor.fm waren das zum Beispiel Musikwünsche in der späteren Sendung. Am gefragtesten war allerdings ein ganz banaler Artikel: eine Tasse mit dem Logo des Radiosenders.