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Wirtschaft 06.10.2017

Sammelklagen und mieser Ruf

Erst Glyphosat, dann Dicamba: So riskant ist der US-Konzern Monsanto für Bayer

ST. LOUIS/LEVERKUSEN. Während sich Bayers milliardenteurer Monsanto-Kauf hinzieht, gerät das Übernahmeziel immer stärker in die Kritik. Im Brüsseler EU-Parlament müssen Lobbyisten des US-Konzerns künftig draußen bleiben, weil sie sich angeblich nicht an die „demokratischen Spielregeln“ halten. Das dürfte aber noch das geringste Problem des Agrarchemieriesen aus St. Louis sein. Größere Gefahren drohen in den USA, wo es diverse heftige Vorwürfe und zahlreiche Klagen wegen kontroverser Unkrautvernichter und genmanipulierten Saatguts gibt.
Es ist eigentlich ein beschauliches Bild an der Grenze zwischen Arkansas und Missouri. Äcker und Felder so weit das Auge reicht, Quadratkilometer über Quadratkilometer. Ausgerechnet hier, in der scheinbar so friedlichen Einöde, eskaliert der jüngste Streit um Monsanto-Produkte. Es geht um das Herbizid Dicamba, das zwar effektiv Unkraut killt, aber auch Nutzpflanzen – wenn sie nicht aus genetisch modifizierter Saat von Monsanto stammen. Anders ausgedrückt: Der Konzern liefert von Unkraut geplagten Bauern Mittel zur Abhilfe – aber nur in Verbindung mit hauseigener Saat, die durch Genmanipulation resistent dagegen ist. Diese Kombi-Lösung ist schon umstritten genug. Richtig problematisch wird sie, weil das Pflanzengift auch auf Felder und in Gärten gelangt, deren Pflanzen nicht resistent dagegen sind. Immer wieder gibt es Streit zwischen US-Farmern, weil Unkrautvernichtungsmittel mit dem Wirkstoff Dicamba auf benachbarte Felder wehen und die Pflanzen dort eingehen lassen.
„Wir haben so etwas noch nie zuvor gesehen“, meint der Agrarexperte Kevin Bradley von der Universität Missouri zum Ausmaß des Problems. Seinen Recherchen zufolge sind landesweit deutlich über eine Million Hektar allein auf Sojabohnen-Feldern durch Verwehungen mit Dicamba verseucht. Die Landwirtschaftsbehörden untersuchten bereits im August über 2 200 Verstöße mit dem Pflanzengift. Monsanto behauptet, das Mittel könne nur bei falscher Anwendung auf falsche Flächen gelangen – und schiebt den schwarzen Peter so den Farmern zu.
Missouri und Arkansas haben Dicamba nach Beschwerden und Auseinandersetzungen zwischen Farmern – eine sogar mit tödlichem Ausgang – vorläufig verboten. Zahlreiche Bauern fordern bereits Schadenersatz. In einer Sammelklage, die sich auch gegen die Wettbewerber BASF und Dupont richtet, wird Monsanto vorgeworfen, seine Produkte aus Gier trotz Warnungen in den Markt gedrückt zu haben. Der Konzern streitet das ab.
Dicamba wird vor allem eingesetzt, weil viel Gestrüpp, das Landwirten zu schaffen macht, über die Jahre eine Resistenz gegen Monsantos klassischen Unkraut-Killer Roundup entwickelt hat. Dessen Wirkstoff ist das hochgradig umstrittene Pestizid Glyphosat. Mit dem laut Monsanto meistverkauften „Pflanzenschutzmittel“ der Welt macht das Unternehmen seit Jahrzehnten gute Geschäfte.
Trotz der Kontroversen lieferte Monsanto zuletzt überraschend starke Zahlen. Im vierten Geschäftsquartal (bis Ende August) legten die Erlöse dank hoher Nachfrage nach Saatgut für Sojabohnen und Mais im Jahresvergleich um knapp fünf Prozent auf 2,7 Milliarden Dollar zu. Im gesamten abgelaufenen Geschäftsjahr kletterte der Umsatz um über eine Milliarde auf 14,6 Milliarden Dollar. Der Gewinn stieg von 7,0 Milliarden auf 7,9 Milliarden Dollar.
Im laufenden Übernahmeverfahren hat die EU-Kommission nun die Uhr angehalten. Dies werde immer dann gemacht, wenn die beteiligten Parteien wichtige Informationen zu einem Zusammenschluss nicht schnell genug übermitteln, erklärte ein Sprecher gestern. Sobald die fehlenden Auskünfte eingetroffen seien, werde eine neue Frist gesetzt. (dpa)