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Stadt Pirmasens 21.03.2015

Hunderte Tote und Tonnen von Trümmern

Vom Einmarsch der GIs gibt es nur wenige Fotos – Pirmasenser begegnen Besatzern mit Vorbehalten

Am 22. März 1945 rollten US-Fahrzeuge durch die in Trümmern liegende Schloßstraße. (Fotos: Sammlung/Stadtarchiv)

Der Krieg ist vorbei: Aufräumarbeiten in der unpassierbar gewordenen Rodalberstraße. Links die zu 75 Prozent zerstörte Parkbrauerei. Bereits im Juli 1945 braute die Familie Seitz wieder das erste Bier.

Wagemutige Zivilisten ließen die Soldaten scheinbar unbeachtet.

Am 22. März 1945 besetzten die Amerikaner Pirmasens. Bei ihrem Vorgehen waren sie kaum noch auf Widerstand gestoßen. PZ-Mitarbeiter Fritz Burger, damals 16 Jahre alt, erinnert sich an das Kriegsende in der Siebenhügelstadt.

In der Frühe des 22. März verließen die letzten deutschen Soldaten die Stadt. Die Bevölkerung war sich selbst und ihrem Schicksal überlassen. Ungewissheit plagte die Menschen, die in den Schutzräumen ausharrten. Am späten Vormittag fuhren amerikanische Panzer in die Stadt. Ohne Widerstand passierten sie die Straßen, gefolgt von Infanterie mit schussbereiter Waffe. Wagemutige Zivilisten ließen die Soldaten scheinbar unbeachtet. Männer, die Uniformteile trugen, waren verdächtig. Sie wurden kontrolliert und wenn sie sich nicht ausweisen konnten, abgeführt.
Nur wenige Bilddokumente gibt es vom Einmarsch der Amerikaner. Diese zeigen die ganze Tragik der „Stunde Null “. Die Pirmasenser begegneten den amerikanischen Besatzungssoldaten mit großen Vorbehalten. Noch herrschte Kriegszustand, Hunger und Not. Was die nächsten Tage bringen würden, war ungewiss. Die noch heute heftig diskutierte Frage, aus welcher Richtung die Amis gekommen sind, lässt sich aus der Vielfalt der Schilderungen nicht beantworten. Wie es scheint, kamen die Verbände aus allen Richtungen.
Am Eisweiher kam ein Panzerspähwagen um die Kurve gefahren. Im Fahrzeug stand ein Amerikaner mit schussbereitem Maschinengewehr. Im Verlaufe das Nachmittags wurden dort, wo heute die Zufahrt zum Krankenhaus mündet, zwei Lindenbäume gefällt und ein Geschütz aufgestellt, in dessen Schussfeld die Landauer Straße bis zum Eisweiher lag. Doch die Vorsorge der Amerikaner war unbegründet, denn aus dem Wald – es schien, als habe sich ein Vorhang geöffnet – zogen in kleineren und größeren Trupps vom Mordloch her deutsche Soldaten, bereit in die Gefangenschaft zu gehen.
An der Spitze der von Niedersimten kommenden Panzerkolonne fuhr ein Pirmasenser. Er war in den 20er Jahren ausgewandert, verpflichtete sich, nachdem er amerikanischer Staatsbürger geworden war, zum Wehrdienst. Ungeachtet aller Befehle lenkte er sein Fahrzeug zu seinem in Trümmern liegenden Elternhaus in der Horebstraße. Die Wirtin vom „Goldenen Rechen“ erkannte den jungen Mann, der einst mit ihr auf dem Horeb in die Schule ging. Sie sprach ihn an und aus der kurzen „historischen“ Begegnung entstand eine langjährige Freundschaft, dank der sich für die „Rötzel Luis“ zweimal der Wunsch erfüllte, über das große Meer nach Amerika zu fahren.
Das erste Pirmasenser Gefangenenlager befand sich in der ausgebrannten Oberen Kirche. Durch die mit Brettern vernagelten und mit Stacheldraht abgezäunten Eingangs- und Fensternischen sahen die Gefangenen hinaus auf das Trümmerfeld um den Exerzierplatz. Sie hofften, dass nach dem Einmarsch der Amerikaner auch für sie der Krieg zu Ende sei. Doch von hier aus begann für viele Soldaten eine oft bittere und menschenunwürdige Gefangenschaft.
Am 28. April 1945, noch war der Krieg nicht zu Ende, erschien ein erstes gedrucktes Informationsblatt, das an Stelle der fehlenden Tageszeitung künftig regelmäßig erscheinen sollte. Herausgegeben von der Pirmasenser Stadtverwaltung informierte es die Bevölkerung über die allgemeingültigen Anordnungen der Behörden und der Militärregierung sowie die Lage in Stadt und Kreis.
In einem auf Seite eins veröffentlichten Aufruf schrieb Bürgermeister Stempel: In den vergangenen Wochen hat Pirmasens mit großen Anstrengungen die Bergung der Toten und die Beseitigung der Trümmer aus den Straßen in Angriff genommen. Über Monate hinweg fuhr vom Schloßplatz eine Feldbahn durch die Höfelsgasse. Sie transportierte den größten Teil der nahezu eine Million Tonnen Trümmerschutt, der heute bis nahe der Zeppelinbrücke das Tal ausfüllt.
Schon bieten die Straßen wieder ein anderes Bild. Die Versorgung mit Wasser und elektrischem Strom ist gut voran gekommen. Der Aufbau des öffentlichen Lebens, vor allem das Ernährungs- und Verkehrswesen ist im Werden. Es folgt die schwierige Wiederingangsetzung der Industrie und der übrigen Wirtschaft. Bürgermeister Stempel wies darauf hin, dass die Lösung dieser schwierigen Aufgaben die Militärregierung übernommen und mit größter Energie die Wege geöffnet habe. Er schreibt abschließend: „Viel mehr könnte aber, vor allem durch überbezirkliche Maßnahmen bereits geschehen sein, wenn der unsinnige Krieg sein Ende gefunden hätte.“
In der Rubrik „Allgemeines“ teilt die Verwaltung mit, dass alle Durchgangsstraßen und die meisten Nebenstraßen aufgeräumt und befahrbar sind, dass das Wasserleitungsnetz wieder in Betrieb sei, und ein stadtinternes Telefonnetz funktioniere.
Sämtliche Dienststellen der Stadtverwaltung hätten ihre Tätigkeit wieder aufgenommen und seien darum bemüht, die Belange der Bevölkerung zu erfüllen, „soweit es die Umstände irgendwie gestatten“. Die Mitteilung über die Versorgung der Bevölkerung ist widersprüchlich. Einmal wird die Ernährungslage als zufriedenstellend bezeichnet, zum anderen wird von einer äußerst angespannten Ernährungslage berichtet.
In dem Mitteilungsblatt wird auch der Toten beim Luftangriff am 15. März gedacht. Die zunächst im Sterberegister genannte Zahl 393 hatte sich später auf 600 erhöht. Denn allein aus den Trümmern des Kaiserschulhauses wurden 260 tote Soldaten geborgen. Es war ein schauerliches Bild, das für alle, die es sahen, unvergesslich bleibt und das den Wahnsinn und das Grauen des Krieges verdeutlichte. Mehrere Tage dauerte die Bergung der Toten, deren starre Leiber, mit Löschkalk bestreut, vor den Häusern Kaiserstraße Nr. 13 und 15 aufgeschichtet lagen. Sie wurden auf Pritschenwagen geladen und zum Waldfriedhof transportiert. Wir können den Fuhrknecht Dausmann nicht mehr fragen, wie oft seine Pferde die Totenfuhre in die Schmalbach zogen.